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Erkenne dich selbst!

Nicht nur der Philosophin Hannah Ahrendt galt sie als unverzichtbar, auch der Wissenschaftler Borwin Bandelow meint: Wer keine hat, lebt nicht lange. Die Schriftstellerin Sibylle Berg nennt sie gar das „It-Girl unter den Gefühlen“: die Angst.

Dieser Text ist Teil von humanistisch – Das Magazin, Ausgabe 1/2019.

Jeder kennt verschiedene Formen von Angst. Die wenigsten sprechen gern darüber. Etwa jeder achte Mensch erkrankt im Laufe des Lebens an einer Angstform. Mehr als die Hälfte der Fälle bleibt unbehandelt. Darauf weist der Psychiater und Neurologe Borwin Bandelow, Professor an der Universität Göttingen und Autor mehrerer psychologischer Bestseller, hin. „Zwischen normaler, notwendiger Angst und übertriebener, unrealistischer Angst bei Angsterkrankungen gibt es fließende Übergänge“, sagt er.

Dies ist einer der Gründe, warum solche Erkrankungen oft erst sehr spät festgestellt werden. Im Durchschnitt dauert es sieben Jahre ab Beginn, bis eine Diagnose gestellt wird – was heißt, dass manche Betroffene noch viel länger ohne Behandlung und Therapie leben. Bandelow meint deshalb: „Eine bessere Information der Menschen durch Krankenkassen und Politik könnte hier hilfreich sein“, denn Angststörungen sind die häufigsten psychischen Erkrankungen überhaupt und „häufiger als Zuckerkrankheit oder andere Volkskrankheiten“.

Angst zu empfinden und Ängste zu haben, gehört zum Menschsein dazu. Viele Formen von Angst und Furcht „sind Reaktionen, die dem Menschen im Laufe der Evolution geholfen haben, mit Risiken und Gefahren in der Natur umzugehen und zu überleben“, erläutert hierzu Thorsten Pachur, leitender Wissenschaftler am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in Berlin. „Aufgrund ihrer lebensnotwendigen Funktion wird Angst oft durch einfache Reize ausgelöst wie beispielsweise Donner oder die Konturen einer Spinne. Obwohl diese Reize im Laufe der Evolution häufig genug mit tatsächlicher Gefährdung verbunden waren, ist dies in der modernen Welt meist nicht mehr der Fall“, so Pachur weiter.

Diffuse Ängste prägen die allgemeine Stimmung

Neben vielen individuellen Angststörungen, die zudem oft unbehandelt bleiben, gibt es noch andere Formen: die sogenannten kollektiven Ängste. Weitverbreitet ist die subjektive Furcht vor etwa terroristischen Anschlägen, und auch die Angst vor politischem Extremismus oder Schadstoffen in Lebensmitteln hat seit über 15 Jahren in Deutschland kontinuierlich zugenommen. Das belegen jährliche Studien.

„Die deutsche Gesellschaft ist eine der ruhigsten und gesammeltsten der gesamten westlichen Welt und zugleich eine, die wiederum von Ängsten beherrscht wird, von denen man nicht weiß, welche Ursachen sie eigentlich haben“, meint Heinz Bude, Soziologieprofessor an der Universität Kassel.

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Obwohl es in der Regel an einer konkreten Bedrohung fehle, scheinen viele Menschen ein diffuses Empfinden lauernder Gefahren zu teilen. Und verglichen damit, wovor sich Menschen statistisch gesehen zurecht fürchten müssten (siehe Infografik auf S. 11/12), wirken nicht wenige der kollektiv geteilten Ängste grundlos überrepräsentiert. Woher kommt das?

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