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„Niemand nimmt uns so wichtig wie wir selbst“

Bloß nicht auffliegen – Die Autorin und Journalistin Franziska Seyboldt fürchtete sich jahrelang davor, dass ihre Angststörung anderen Menschen bekannt wird. Mit dem Buch „Rattatatam, mein Herz“ hat sie sich Anfang des Jahres „geoutet“, um anderen Betroffenen zu helfen und etwas gegen die Stigmatisierung von Menschen zu tun, die mehr unter einer Angst leiden als andere.

Franziska Seyboldt, Autorin von „Rattatatam, mein Herz: Vom Leben mit der Angst“ – Foto: © Linda Rosa Saal

Wie lange begleitet ihre Angst Sie in etwa schon?

Franzisky Seyboldt: Das einzige, was ich mit Sicherheit sagen kann, ist, dass ich mit 12 zum ersten Mal ohnmächtig wurde, beim Arzt. Ein schreckliches Gefühl von Hilflosigkeit, das ich nie wieder erleben wollte. Da begann die Angst vor Ärzten. In den Jahren darauf breitete sich die Angst schleichend aus, kam mit ins Kino, zu Referaten in der Schule und schließlich mit in die U-Bahn. Die Anfälligkeit für eine Angststörung war aber sicher schon vorher da. Es ist schwer, einen genauen Zeitpunkt zu benennen, weil so vieles mit hineinspielt: Genetik, Erziehung, soziales Umfeld, Abgucken von bestimmten Gewohnheiten, ein traumatisches Erlebnis, die Fähigkeit zur Resilienz. Den einen Auslöser gibt es nicht, bei niemandem.

Wie ist es, mit einer Angststörung zu leben?

Da wir alle verschieden sind, ist es vermutlich für jeden Betroffenen anders. Bei einer generalisierten Angststörung überwiegen die ständig kreisenden Gedanken über Katastrophenszenarien, man macht sich andauernd Sorgen und geht vom Schlimmsten aus. Bei einer Spinnenphobie ist die Angst zielgerichteter. Grundsätzlich fühlt man sich oft hilflos und versucht mit allen Mitteln, die Kontrolle zu behalten, was es oft noch schlimmer macht.

Wie kam der Entschluss, professionelle Hilfe zu suchen?

Nachdem ich mich ein Jahr lang trotz Panik gezwungen habe, jeden Tag mit der U-Bahn zur Arbeit zu fahren und an der Redaktionskonferenz teilzunehmen, bin ich eines Tages während der Konferenz aufgestanden und rausgegangen, bevor ich dran gewesen wäre. Ich habe die Panik nicht mehr ausgehalten und einen Hustenanfall vorgetäuscht. Da wurde mir klar: Entweder ich muss kündigen – oder ich hole mir Hilfe.

…und wie der Entschluss, die Angst nicht weiter zu verstecken, an die Öffentlichkeit zu gehen?

Das kam Jahre später, nach ein paar sehr hilfreichen Therapien und dem Gefühl, dass ich mich deutlich weiterentwickelt hatte. Nachdem ich bei einer ersten Recherche feststellte, wie viele Menschen von Angststörungen betroffen sind – ungefähr jeder Sechste – und dass fast niemand unter seinem echten Namen davon berichtet, wollte ich unbedingt darüber schreiben. Um anderen Betroffenen zu zeigen, dass sie nicht allein sind, um Angehörige aufzuklären und um ganz allgemein etwas gegen die Stigmatisierung zu tun. Da war die Angst davor, mich zu outen, plötzlich nicht mehr da.

Wie hat Ihr Umfeld darauf reagiert?

Familie und Freunde wussten eh schon lange Bescheid. Neu war das Thema für viele Kolleginnen und Kollegen, da variierten die Reaktionen von: „Toll, dass du dich das traust“ über „Dass du davon betroffen bist, hätte ich nie gedacht“ bis hin zu „Ich hab das auch“.

In Ihrem Buch schreiben Sie von der Angst wie von einer Person, die Sie stets begleitet. Ist das im Alltag tatsächlich so? Was macht diese Personifizierung mit der Angst?

Die Personifizierung war anfangs nur ein literarischer Kniff, um den Leserinnen und Lesern meine Angst anschaulicher zu machen. Während des Schreibens habe ich die Angst dann aber immer deutlicher vor Augen gehabt – und sie mir schließlich auch genauso vorgestellt, wenn mich mal wieder die Panik überkam. Das hilft tatsächlich und nimmt ihr viel von ihrer Kraft. Weil man mit einer Person kommunizieren kann, während man von diffusen Gefühlen oft überwältigt wird.

Wie fühlt es sich an, wenn die Angst kommt?

Auf der körperlichen Ebene: Der Herzschlag beschleunigt sich, die Hände werden kalt und nass, der Magen sackt in die Knie, es flimmert vor den Augen. Auf der gedanklichen Ebene versucht man, die körperlichen Symptome zu interpretieren (Herzinfarkt? Ohnmacht? Tod?) und steigert sich in negative Gedanken rein („Warum passiert mir das jetzt schon wieder? Hoffentlich merkt niemand was!“). Die Kombination ist Gift.

Die Angst hat sich schon früh eingeschlichen in Franziska Seyboldts Leben. Und sie ist weit über das hinausgegangen, was man allgemein unter „ängstlich“ versteht. Angst davor, mit der U-Bahn zu fahren, zum Arzt zu gehen, in beruflichen Situationen zu versagen, kurz: generalisierte Angststörung. Panikattacken. Millionen von Menschen kämpfen damit durchs Leben und sind wahre Meister im Ausredenerfinden geworden, notgedrungen. Warum spricht niemand darüber? Diese Frage steht am Anfang von Franziska Seyboldts Buch, das ihren Weg durch die Angst beschreibt.


Was hat Ihnen geholfen, hilft Ihnen, damit umzugehen?

Ich behandle mich selbst mittlerweile liebevoller, anstatt mich für vermeintliche Schwächen zu geißeln. Und wenn sich die Angst anschleicht, höre ich, was sie zu sagen hat. Meistens ist das sowas wie: Schalt mal einen Gang runter, sonst knallt‘s gleich. Gegen die Katastrophenszenarien („Was wäre, wenn…“) hilft es, sich den gegenwärtigen Moment bewusst zu machen, auch wenn es anfangs schwerfällt. Tief durchatmen, einen Vogel in einem Baum beobachten und immer dran denken: Niemand nimmt uns so wichtig wie wir selbst. Wozu also der ganze Druck?

Hat sich Ihre Angst geändert, seit Sie darüber schreiben und sprechen?

Auf jeden Fall. Eine große Angst war ja lange, dass ich irgendwann auffliege. Seit meinem Outing gibt es die nicht mehr – Problem gelöst. Außerdem frisst es sehr viel Energie, sich ständig zu verstecken. Die kann ich jetzt in andere Dinge investieren.

Gab es für Sie irgendeine neue Erkenntnis, ein Aha-Erlebnis o.ä., seit Sie so offensiv mit Ihrer Angst umgehen?

Ja, eine schöne Erkenntnis: Die meisten Menschen öffnen sich, sobald ein anderer den ersten Schritt macht. Und der andere bin jetzt eben meistens ich.

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