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Bitte mehr Respekt!

„Ich bin nicht kulturell unbehaust“, betont der Historiker Thomas Stamm-Kuhlmann in einer Entgegnung zum Essay der Kulturstaatsministerin Monika Grütters in der „Zeit“. Und zum söderschen Kreuze-Erlass meint er: „Ernsthafte Menschen müssen einfach empört sein über die Wurstigkeit, mit der die CSU meint, sich ein Glaubenssymbol als Lifestyle-Logo mit Exklusionswirkung aneignen zu können.“

Von Thomas Stamm-Kuhlmann, Greifswald

Es kommt vor, dass ich als Humanist mich an der Seite von Geistlichen wiederfinde. Das geschah in der Vergangenheit dann, wenn es darum ging, eine selbstkritische Erinnerungskultur in Deutschland zu pflegen oder dem Rechtsextremismus vorzubeugen.

Ich konnte vor kurzem aber auch Kardinal Marx, der katholischen Jugend und evangelischen Gläubigen beipflichten, als sie in Konflikt mit dem bayerischen Ministerpräsidenten gerieten. Denn was ich mir aus meiner Erziehung bewahrt habe, ist der Respekt vor der Ernsthaftigkeit, mit der Menschen ihre Glaubensinhalte hochhalten. Solche ernsthaften Menschen müssen einfach empört sein über die Wurstigkeit, mit der die CSU meint, sich ein Glaubenssymbol als Lifestyle-Logo mit Exklusionswirkung aneignen zu können. Man kann sich den Sitz, den Markus Söder in der Synode der Evangelischen Kirche in Bayern innehatte, nur als eine gesellschaftliche Einflussposition vorstellen, die ein Machtstratege wie Markus Söder natürlich nicht auslassen kann.

Foto: Pressestelle / Universität Greifswald
Prof Dr. Thomas Stamm-Kuhlmann ist seit 1997 Inhaber des Lehrstuhls für Allgemeine Geschichte der Neuesten Zeit an der Universität Greifswald, von 2014-2018 amtierte er als Dekan der Philosophischen Fakultät der Universität.

Ich selbst bin für Markus Söder nur ein Kollateralschaden. Denn seine Exklusionsabsicht richtete sich nicht gegen mich und meinesgleichen, sondern gegen muslimische Einwanderer. Gegen diese sollte „der alte Talisman, das Kreuz“ (Heinrich Heine) natürlich wirken, und jüdischem Widerspruch sollte mit der Geschichtslüge von einem christlich-jüdischen Abendland begegnet werden, obwohl die Geschichte des Abendlands (auch in Bayern) vor allem eine tausendjährige Geschichte von Verfolgung und Schikane für die Juden durch Christen gewesen ist, von der Zeit der Kreuzzüge bis zu den Hep-Hep-Krawallen von 1817 und, wie bekannt, darüber hinaus.

Warum bin ich von Markus Söder nicht gemeint? Weil er gar nicht zur Kenntnis genommen hat, dass es mich gibt. Denn seine Weltsicht teilt die Gesellschaft auf in Gläubige, mit denen man aneinandergeraten kann, eine größere Zahl Gläubige, die sich durch das Wohlfühl-Logo des Christentums verführen lassen, und einen großen Rest von Laschen, die eigentlich gläubig sein müssten, aber verweltlicht und verflacht sind, schuldbewusst das Kreuz an der Wand des bayerischen Behörden-Entrées als Mahnung wahrnehmen werden, sich zu bekehren, und deshalb die Klappe halten. Was Markus Söder in seiner rein opportunistischen Denkweise nicht für möglich hält, ist, dass es in Bayern und in Deutschland überhaupt eine große Zahl Menschen gibt, die sich bewusst und aus Überzeugung vom Kreuz abgewandt haben, die ohne Religion glücklich sind oder die von ihren Eltern religionsfrei erzogen worden sind. Diese Menschen kommen in seinem Weltbild aus purer Ignoranz nicht vor, obwohl die Aufklärung im Bayern des 18. Jahrhunderts zuhause war, obwohl es dort seit dem 19. Jahrhundert eine breite Freidenkerbewegung gab und obwohl der Humanistische Verband in Bayern eine Körperschaft des öffentlichen Rechts ist, die laut Artikel 137 der ersten demokratischen deutschen Verfassung von 1919 den Religionsgesellschaften gleichgestellt ist. Dieser Artikel ist durch das Grundgesetz ein Bestandteil unserer Rechtsordnung.

Verfassungsrechtlich ist bei uns die Gleichberechtigung von Weltanschauungen, zu denen der im säkularen Humanismus inbegriffene Atheismus gehört, mit den Religionen also seit einem Jahrhundert eine Tatsache. In den Köpfen der meisten Politiker aller Parteien ist diese Tatsache jedoch noch nicht angekommen. Man kann diesen Zustand nicht anders als borniert bezeichnen. Nur so ist zu erklären, welchen Unfug die Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien, die Staatsministerin im Bundeskanzleramt Monika Grütters, im letzten Frühjahr in der „ZEIT“, nicht ohne Hinweis auf Michel Houellebecqs Phantasie von der Unterwerfung opportunistischer Intellektueller unter den Islam, publiziert hat. Immerhin hat sie zur Kenntnis genommen, dass ein großer Teil heutiger Kinder nicht getauft ist. Sie kann dafür aber keine andere Erklärung als Gleichgültigkeit der Eltern finden. Sie nennt diese Berliner Kinder daher „kulturell unbehaust“ und nicht fähig, sich auf das „Eigene“ zu besinnen. Dass diese Nicht-Taufe eine überlegte Entscheidung gewesen sein kann und dass diese Kinder sehr wohl ein „Eigenes“ haben könnten, das keineswegs der Islam sein muss, aber eben auch nicht das Christentum zu sein braucht, das kann sich die CDU-Politikerin offenbar nicht vorstellen.

Ich kann für diese Kinder nicht sprechen. Ich kann Frau Grütters aber versichern, dass ich auch nach meinem Kirchenaustritt vor fast 40 Jahren nicht kulturell unbehaust geworden bin. Im Gegenteil. Ich fand bei Johann Wolfgang Goethe Textstellen, die mich vermuten lassen, er wäre im 20. Jahrhundert auch aus der Kirche ausgetreten. Das Recht hierzu war zu seinen Lebzeiten allerdings noch nicht erfunden. Ich fand in Immanuel Kants „Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft“ eine Kritik der historisch überlieferten Religion, die mich überzeugt hat. Es ist eine Kritik übrigens, die eigentlich jene Theologieprofessoren gelesen haben müssten, die einen Aufruf zur Verteidigung der Söder-Kreuze herausgegeben haben, in dem sie sich darauf berufen, auch Kant habe eine Gottesidee gehabt. Ja, hatte er, aber es war eben nach seiner ausdrücklichen Beweisführung eine Idee, deren historische Einkleidung als Offenbarungsreligion nur aus der Schwäche der Menschen entstand. Infolgedessen sah Kant weder Gebete noch Andachtszeichen vor. Ich fand eine Religionskritik bei Karl Marx, die die Kirchen gegenwärtig entschärft zu haben glauben, da sie ihn ja 2018 in der Basilika von Trier mitgefeiert haben. Die Religionskritik seit Feuerbach erschöpft sich aber nicht in der Entrüstung darüber, dass die Kirchen sich so oft auf die Seite der Mächtigen gestellt und die soziale Ungleichheit gerechtfertigt haben. Hierin hat sich in der Tat viel geändert. Feuerbach und Marx aber kritisierten vor allem den Jenseitsglauben und machten klar, dass aus dem Verzicht auf einen Jenseitsglauben gerade erst der Appell zur Verbesserung der einzigen von allen Menschen wahrnehmbaren Welt, die wir tatsächlich haben, entsteht.

Die paar Beispiele mögen genügen, um zu zeigen, worum es mir geht. Es geht mir darum, nicht einfach unter einer Rubrik von „Christentumsvergessenheit“ vereinnahmt zu werden. Nein, ich habe meine Wurzeln nicht vergessen. Ich bin auch nicht einfach ein Hedonist oder sonst wie ein seichter Mensch, was Frau Grütters insinuiert. Meine Wurzeln sind einfach andere. Von Demokrit und den antiken Skeptikern über Baruch Spinoza und David Hume bis zu Albert Camus gibt es einfach genug im Abendland, auf das ich mich berufen kann. Ich bin nicht kulturell unbehaust und, Frau Grütters, ich will, dass Sie das respektieren und mich als den Abendländer anerkennen, der ich bin.

Vor allem hat Frau Grütters einen Unterschied verwischt. Wenn sie will, dass das Christentum, dem sie nun einmal anhängt, in der Öffentlichkeit sichtbar ist, dann muss sie zugeben: Das ist doch immer noch in überwältigendem Ausmaß der Fall. Auf so vielen Kirchtürmen befindet sich ein Kreuz, unzählige Wegkreuze haben Menschen in der Vergangenheit gestiftet. Ich vermute, diese Kreuze hat sie aus purer Gewohnheit nicht mehr wahrgenommen, wie die DDR-Bürger die SED-Parolen an den Häuserwänden nicht gelesen haben. Und wer will schon diese Kreuze abreißen? Niemand, der bei Verstand ist. Aber in einem Klassenraum, in einem Gerichtssaal und in einem Behördenvorraum haben diese Kreuze nichts zu suchen. Deren Anwesenheit beweist nur eins: den mangelnden Respekt vor meinesgleichen.

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