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„Er hat dem Säkularismus sein Leben gewidmet“

Am Montag vergangener Woche wurde der Verleger und Politiker Shahzahan Bachchu in Munsiganj nahe der bangladeschischen Hauptstadt Dhaka ermordet. Bachchu war als säkularer und atheistischer Autor und Aktivist bekannt.

Von Frederik Schindler

Shahzahan Bachchu (l.) und Aktivisten, die gegen seine tragische Ermordung am 12. Juni 2018 protestieren. Foto: Rubel Arnab Arnab via Facebook – Dhaka Tribune

In dem von ihm gegründeten Verlag „Bishaka Prakashani“ wurden Gedichte und Bücher veröffentlicht, die Humanismus und Freidenkertum zum Thema hatten. Zudem war er in der Kommunistischen Partei Bangladeschs aktiv, beispielsweise als Generalsekretär des Stadtverbands aus Munsiganj.

Vier Männer auf zwei Motorrädern schossen auf den 60-jährigen Verleger, der sich gerade vor einer Teestube in seinem Heimatdorf aufhielt. Nach Schüssen auf den Rücken starb Bachchu noch am Ort des Angriffs. Zudem wurden zwei Rohbomben geworfen, um die umstehenden Passanten einzuschüchtern und um den Rückweg freizuhalten.

Durba Zahan, eine Tochter des Verlegers und ebenso atheistische Aktivistin, bestätigte den Mord auf Facebook: „Mein Vater wurde heute in unserem Dorf mit zwei Schüssen getötet.“ „Die Art der Durchführung des Mordes und der Hintergrund des Opfers deuten stark darauf hin, dass trainierte Mitglieder von radikalen Gruppen verantwortlich sind“, sagten in den Fall eingebundene Polizisten der bangladeschischen TageszeitungThe Daily Star.

Dieser Beitrag ist zuerst erschienen bei der Jungle World.

Seit dem Jahr 2013 hatte es in Bangladesch eine islamistische Mordserie an säkularen Bloggern, LGBT-Aktivisten und religiösen Minderheiten gegeben. Die Opfer wurden dabei meist gruppenweise überfallen und mit Macheten zu Tode gehackt. In den meisten Fällen bekannte sich ein südasiatischer Ableger von al-Qaida zu den Morden, in den seltensten Fällen wurden Verdächtige festgenommen. Zuletzt hatte es allerdings seit Juli 2016 keine Toten mehr gegeben. Damals wurden Polizisten, Angehörige der hindustischen und christlichen Minderheit sowie kurz zuvor zwei Mitarbeiter des ersten und einzigen LGBT-Magazins Bangladeschs ermordet. Außerdem wurden während einer Geiselnahme in Dhaka 20 Cafébesucher im Diplomatenviertel ermordet, 18 davon Ausländer.

Shahzahan Bachchu hatte in seinem Dorf eine Bibliothek errichtet, um dem armen Teil der Bevölkerung Zugang zu humanistischen und säkularen Texten zu ermöglichen. Deshalb war er bereits im Jahr 2013 auf einer Todesliste von Islamisten gelandet. Mehrere Aktivisten auf dieser Liste wurden bereits in den vergangenen Jahren ermordet. Bereits 2015 berichtete die Tageszeitung The Daily Observer aus Bangladesch, dass Bachchu oftmals seinen Wohnort und Schlafplatz wechselt, um den militanten Extremisten zu entkommen. Diese hatten ihm mit Anrufen und Nachrichten bereits damals mehrfach mit dem Tod gedroht. „Zunächst hatte ich diese Drohungen ignoriert. Doch nach den jetzigen Morden nehme ich die Sache ernst. Vor allem meine Familie ist in Angst“, sagte er damals der genannten Zeitung.

Die Zukunft des säkularen Aktivismus in Bangladesch steht auf dem Spiel

Auf der islamistischen Todesliste steht auch Azam Khan. Der atheistische Blogger ist mittels eines humanitären Visums in die Schweiz geflohen. Seit 2016 lebt der 34-Jährige in St. Gallen. Aus der säkularen Szene Bangladeschs kannte er auch den jetzt ermordeten Verleger Shahzahan Bacchu. „Er hat dem Säkularismus sein Leben gewidmet“, sagt Khan im Gespräch mit der Jungle World.

„Das war in seinen politischen Ansichten, Aktivitäten und Schriften sichtbar.“ Khan sorgt sich, dass die Mordserie jetzt fortgesetzt wird. „Die Zukunft des säkularen Aktivismus in Bangladesch steht auf dem Spiel.“

Azam Khan berichtet von Aktivisten, die im ganzen Land kleine Bibliotheken eröffnet oder Veranstaltungen organisiert hatten. Die Mörder sollten diese Aktivisten einschüchtern – und waren dabei offenbar erfolgreich. „Fast jeder säkulare Aktivist hat seine Aktivitäten eingestellt. Dadurch wird Bangladesch in naher Zukunft zu einem sicheren Hafen für Islamisten – denn die säkularen Aktivisten sind die letzte Verteidigungslinie gegen diese Terroristen.“

Die Internationale Humanistische und Ethische Union, ein Zusammenschluss von über 150 nichtreligiösen humanistischen und säkularen Organisationen, forderte die bangladeschische Regierung in einer ersten Reaktion auf den Mord dazu auf, die jihadistischen Netzwerke aufzuspüren und zu bekämpfen. Zudem müsse „die internationale Gemeinschaft Druck auf Bangladesch aufbauen, um die Humanisten und Menschenrechtsverteidiger zu schützen“, sagte der Verbandspräsident Andrew Copson in einem Statement. „Wir sind am Boden zerstört, dass das Schreckgespenst der Gewalt zur freidenkerischen Community in Bangladesch zurückgekehrt ist.“

Dem Autor bei Twitter folgen: @Freddy2805

Auch der internationale Autorenverband PEN schloss sich den Forderungen an. „Den Mord aufzuklären und die Täter zur Rechenschaft zu ziehen, sollte die höchste Priorität der Regierung sein“, erklärte der Präsident von PEN Bangladesch, Syed Manzoorul Islam. „Meinungen und Ideen sollte nur durch andere Meinungen und Ideen entgegengetreten werden und nicht durch die Unterdrückung von Gedanken.“ Karin Deutsch Karlekar von PEN Amerika mahnte, dass Straflosigkeit zu weiteren Angriffen auf freie Meinungsäußerung ermuntern würde.

Auch Azam Khan erachtet die Straflosigkeit als eines der größten Probleme. „Wenn die Regierung und die Gesellschaft diese mörderische Ideologie nicht stoppen kann“, fragt er, „wer dann?“.

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