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„Diskriminierend ist das auf jeden Fall“

Der Sprachwissenschaftler Anatol Stefanowitsch ist Autor des vor kurzem erschienenen Buchs „Eine Frage der Moral: Warum wir eine politisch korrekte Sprache brauchen“. Er meint, im Wort „konfessionslos“ zeige sich ein klassischer Mechanismus diskriminierender Sprache, wie er in rassistischen und anderen menschenfeindlichen Begriffen zum Ausdruck kommt. Er sagt auch, das Thema diskriminierungsfreie Sprache sollte schon in der Schule behandelt werden.

Foto: Bernd Wannenmacher/FU Berlin

Herr Prof. Dr. Stefanowitsch, können Sie sich erinnern, wann Sie sich zuletzt politisch inkorrekt geäußert haben?

Anatol Stefanowitsch: Zuletzt darauf hingewiesen wurde ich vor einigen Tagen, als ich in einem sozialen Netzwerk über „Flüchtlinge“ geschrieben habe – ich hätte das respektvollere „Geflüchtete“ wählen sollen. In diesem Fall sehe ich keine guten Argumente dafür, meinen Sprachgebrauch zu verändern, denn die angeblich negative Bedeutung des Wortes „Flüchtling“ lässt sich weder in der Geschichte oder im aktuellen Gebrauch nachweisen, noch gibt es Einigkeit unter den Betroffenen, dass dieser Begriff zu meiden sei. Trotzdem nutze ich solche Hinweise als Anlass, meinen Sprachgebrauch zu reflektieren, denn Sprache ändert sich und ein Begriff, der mir noch neutral erscheint, kann sich ins Negative verschoben haben, ohne, dass ich es mitbekommen habe.

Hinweis: Das Interview ist bereits Anfang Juni 2018 entstanden.

Einen „Vogelschiss“ nannte der AfD-Politiker Alexander Gauland neulich die zwölf Jahre NS-Diktatur und deren Folgen. Ist das für Sie ein Muster-Extrembeispiel für politisch inkorrekte Sprache?

Hier geht es eigentlich nur noch am Rande um politische Korrektheit, nämlich insofern, als hier die vielen Millionen Opfer des völkischen deutschen Faschismus trivialisiert, und insofern sicher sprachlich diskriminiert werden. Aber im Kern ist Gaulands Aussage ein bewusster Bruch mit einem Geschichtsverständnis, das die monströse Einzigartigkeit der Verbrechen der Nazizeit anerkennt und die Verantwortung dafür übernimmt. Damit befindet er sich so weit außerhalb dessen, was in Deutschland als akzeptabler Beitrag zum öffentlichen Diskurs gelten sollte, dass die Kategorien „politisch korrekt/inkorrekt“ kaum noch greifen können.

Der Philosoph und Aktionskünstler Philipp Ruch meinte zuvor in einem langen Beitrag in der WELT, die Grenzen des demokratischen Diskurses sollten nicht verhandelbar sein. Ruch meinte auch, diejenigen, die sich außerhalb dieser Grenzen bewegen, seien zu „ächten“. Wo würden Sie ihm zustimmen, wo nicht?

Natürlich müssen die Grenzen des demokratischen Diskurses verhandelt werden – ein demokratischer Diskurs existiert nicht ohne eine Gesellschaft, die sich darauf geeinigt hat. Man könnte sogar sagen: Gesellschaften im Sinne von Wertegemeinschaften entstehen überhaupt erst, indem Menschen miteinander übereinkommen, was in Zukunft verhandelbar sein sollte und was nicht. Ruch hat insofern recht, als er sich auf den direkt an Sprach- und Denkmuster des völkischen deutschen Faschismus anknüpfenden Diskurs der AfD bezieht – dieser Diskurs stellt die Grundpfeiler jeder deutschen Gesellschaft nach dem Holocaust infrage, und diese dürfen nie wieder verhandelbar werden. Wer es dennoch tut, und zwar bewusst, also nicht aus Unwissen, der hat keinen Platz in der Gesellschaft. Wie eine „Ächtung“ dann aussehen soll, ist schwer zu sagen – ein guter Anfang wäre es, demjenigen keine Bühne zu geben.

Können Sie uns eigentlich sagen, wann der Begriff der politisch korrekten Sprache Einzug in die gesellschaftlichen Diskussionen hierzulande gehalten hat und von welcher Seite dies kam?

Der Begriff existierte im Englischen schon lange mit unterschiedlichen Bedeutungen, Ende der 1980er Jahre wurde er zu einem konservativen Kampfbegriff, um Versuche eines diskriminierungsfreien Sprachgebrauchs zu diskreditieren. In dieser Verwendung wurde er dann auch ins Deutsche übertragen. Er hält sich unter Konservativen und bis ins rechtsradikale Spektrum hinein bis heute, wird aber inzwischen von Menschen verstärkt positiv umgedeutet, die sich aktiv um den Abbau sprachlicher Diskriminierungen bemühen. Besser wäre es wahrscheinlich, von „diskriminierungsfreier“ statt von „politisch korrekter“ Sprache zu reden.

In Medienberichten bezeichnen Journalistinnen und Journalisten besonders extrem auftretende Persönlichkeiten aus insbesondere der AfD immer wieder als „Rechtsaußen“ – bekannt ist dieser Begriff jedoch vor allem aus dem Fußballsport, der ja eine Art Spiel ist. Würden Sie sagen, dass derartige Benennungen von AfD-Vertreterinnen und -Vertretern durch die spielerische Konnotation politisch korrekte Sprache ist?

Dass die Medien sich so schwer damit tun, rechtsradikale Politikerinnen und Politiker und deren Gedankengut klar zu benennen und sich in Euphemismen wie „Rechtsaußen“ oder „Asylkritiker“ flüchten, hat teilweise sicher etwas mit dem legitimen Wunsch zu tun, „neutral“ zu berichten. Es könnte aber auch ein Missverständnis dahinterstecken, dass man hier aus Gründen der politischen Korrektheit sprachliche Umschreibungen wählen sollte – also um die Betroffenen nicht sprachlich zu diskriminieren. Ein Missverständnis ist das deshalb, weil „Rechtsradikale“ (oder „Nazis“, „Faschisten“ usw.) keine diskriminierenden Begriffe sind, solange man sie auf Menschen anwendet, die sich durch ihr Verhalten und ihre Äußerungen als rechtsradikal zu erkennen geben. Im Gegenteil, man könnte argumentieren, dass man sie durch die verharmlosenden Begriffe diskriminiert, weil man ihre Aussagen und ihr Handeln nicht ernst nimmt.

Die Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU) hatte nichtgetauften, und gemeint waren wohl auch religiös nicht gebundene Bürgerinnen und Bürger generell, in einem Beitrag in der ZEIT vom 9. Mai 2018 „kulturelle Unbehaustheit“ attestiert. Wäre so etwas zulässig aus Ihrer Perspektive oder nicht?

Es ist bezeichnend, weil Grütters hier ihre ideologischen Grundannahmen klar kommuniziert – wer nicht religiös ist, kann für sie keine Kultur haben. Diskriminierend ist das auf jeden Fall, und insofern muss dieser Sprachgebrauch deutlich kritisiert werden. Verbieten würde ich ihn natürlich nicht, denn ich möchte ja gerne wissen, ob ich es mit einer Person zu tun habe, die mir wegen meiner Nicht-Gläubigkeit grundlegende menschliche Eigenschaften abspricht.

Warum verzapft eine Kulturstaatsministerin solchen Mist? So fasste der Philosoph Frieder Otto Wolf seinen ersten Gedanken zur diffamierenden Äußerung der CDU-Politikerin Monika Grütters zusammen. Er sagt, die Politik sei in der Pflicht, mehr in Aufklärungs- und Bildungsarbeit zu investieren. Geboten sieht Wolf dies auch durch das Grundgesetz. Und meint zum aktuellen Fall: Eine katholische Abgeordnete ist lernfähig – zumal dann, wenn der Papst Lernimpulse vorgibt. Lesen Sie hier das ganze Interview.

Und wie angemessen beurteilen Sie das Adjektiv „konfessionslos“ für nicht kirchlich oder anders religiös vergemeinschaftete Menschen?

Es ist ein Wort, das eine Gruppe – nämlich (konfessionell gebundene) Christinnen und Christen – einer anderen Gruppe aufzwingt, ohne, dass diese es für sich verwenden. Damit setzen sie ihr Weltbild als Norm und stellen die so bezeichnete Gruppe als abweichend dar. Das ist der klassische Mechanismus diskriminierender Sprache, wie er auch in rassistischen, sexistischen und anderen menschenfeindlichen Begriffen zum Ausdruck kommt. Allerdings entfaltet er hier nicht dieselbe herabwürdigende Kraft, weil die Kirchen – obwohl man ihre Rolle und ihren Einfluss natürlich ständig hinterfragen muss – keine so flächendeckende, tief verankerte Macht mehr besitzen, wie dies bei dominanten Gruppen auf anderen Diskriminierungsachsen der Fall ist. Was bei religiöser Diskriminierung auch immer mitbedacht werden muss, ist, dass sie in sehr lokale Verhältnisse eingebettet ist. Christinnen und Christen sind in Deutschland eher privilegiert, in Gesellschaften, in denen andere Religionen dominant sind (der Islam oder der Hinduismus, etwa), werden sie aber häufig diskriminiert. Umgekehrt gehören deutsche Musliminnen und Muslime zu den stark diskriminierten Gruppen und das lässt sich nicht klein reden oder gar rechtfertigen, indem man auf Gesellschaften verweist, in denen ein repressiver Islam dominant ist.

In Ihrem Plädoyer für eine bessere, gerechtere Sprache sind Sie auf einen für mich interessanten Punkt nicht eingegangen: Sollte das Thema ein Element auch schulischer Bildungsarbeit werden? Ist ein Deutschunterricht, in dem dieses Thema nicht vorkommt, nicht insofern defizitär? Und wären nicht ebenfalls Lehrkräfte in anderen Bereichen, wie etwa den Fächern der schulischen Wertebildung, beim Thema „faire Sprache“ gefordert?

Ich würde es mir sehr wünschen, dass die Frage der sprachlichen Diskriminierung schon in der Schule behandelt würde. Unsere Gesellschaft wird immer vielfältiger, und damit die Vielfalt funktioniert, müssen alle Begegnungen – positive wie negative – auf Augenhöhe ausgetragen werden. Das funktioniert aber nur, wenn wir uns an die sprachliche goldene Regel halten, die ich in meinem Buch als Grundlage für eine diskriminierungsfreie Sprache vorschlage – nämlich, andere sprachlich so darzustellen, wie wir an ihrer Stelle dargestellt werden wollten. Der Deutschunterricht ist sicher ein Ort, wo dies geschehen kann, er ist allerdings schon jetzt sehr überfrachtet. Dem Religionsunterricht traue ich diese Aufgabe nicht zu, er ist tendenziell zu stark in den jeweiligen religiösen Mythen verhaftet, um den nötigen, reflektierten Perspektivwechsel zu gewährleisten. Ein allgemein verpflichtender Ethikunterricht, wie wir ihn in Berlin und Brandenburg haben, wäre sicher der beste Ort.

„Sprachpolizei“, „Moralapostel“, „Genderkrampf“ – warum erhitzen sich die Gemüter so an Political Correctness? Warum protestieren Menschen gegen die Bekämpfung von sexistischem und rassistischem Sprachgebrauch? Der Sprachwissenschaftler und Blogger Anatol Stefanowitsch analysiert aufgeheizte Debatten der letzten Jahre: „Gerechte Sprache allein schafft noch keine gerechte Welt. Aber indem wir sie verwenden, zeigen wir, dass wir eine gerechte Welt überhaupt wollen.“ Weiter zur Verlagsseite…


Wollen Sie Ihr Buch schließlich als ein Plädoyer für autoritative Sprachgebote verstanden wissen oder eher nicht? Falls ja, inwiefern und für welche Bereiche?

Nein, das möchte ich ausdrücklich nicht. Gerade die Mitglieder diskriminierter Gruppen würden davon nicht profitieren, da sie nie sicher sein könnten, wer ihnen gerade gegenübersteht. Es soll vielmehr einen Anstoß für die Reflexion des eigenen Sprachgebrauchs sein – es soll zunächst klarstellen, dass Sprechen eben Handeln ist und als solches einer moralischen Bewertung unterliegt. Wenn ich mich auf dieses Argument einlasse, kann es mir helfen, diskriminierendes sprachliches Verhalten zu meiden. Und es soll bei öffentlichem Sprechen – also der Kommunikation von und in gesellschaftlich relevanten Institutionen – eine allgemeine Leitlinie sein, die dann helfen kann, konkrete Sprachregelungen zu finden oder auf ihre Tauglichkeit abzuklopfen.

Zuletzt: Es gibt noch diesen alten Begriff der Höflichkeit beziehungsweise der höflichen Sprache, die ja vermutlich auch in den – gelinde gesagt – politisch weniger korrekt auftretenden Teilen unserer Gesellschaft eigentlich Ansehen und Wertschätzung besitzt. Wenn Sie jetzt Ihr Plädoyer und die Begriffe der Höflichkeit nebeneinanderlegen – zu welchem Schluss, zu welchem Fazit kommen Sie?

Höflichkeit ist in gewisser Weise das individualisierte Gegenstück zur politischen Korrektheit, bei der es immer um Gruppen geht. Wenn ich es mit einem einzelnen Menschen zu tun habe, vor allem einem, den ich schätze, sagt mir die sprachliche goldene Regel, was höflich ist: die Person als Individuum so anzusprechen, wie ich als Individuum angesprochen werden möchte. Bei der politischen Korrektheit sagt mir die sprachliche goldene Regel, was Diskriminierung vermeidet: die Person als Mitglied einer oder mehrerer Bevölkerungsgruppen so anzusprechen, wie ich es umgekehrt als Mitglied meiner Gruppen erwarte. Dass individuelle Höflichkeit gesellschaftlich weniger strittig ist als die gruppenbezogene politische Korrektheit, ist interessant. Es zeigt eben, dass wir an unserer Wahrnehmung von Gruppen als Gesellschaft noch arbeiten müssen.

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