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„Die Kirche hat anscheinend nicht verstanden“

Kim Schicklang von der Aktion Transsexualität und Menschenrecht übt Kritik an einer neuen Broschüre der Evangelischen Kirche Hessen-Nassau, welche damit „Kirche für alle“ werden will. Doch Schicklang sieht das 40-seitige Papier abermals von einer Außenperspektive bestimmt, die Liste der Mängel ist aus ihrer Sicht lang.

Werte wie Toleranz und Selbstbestimmtheit zählten die längste Zeit der Geschichte nicht zum Markenkern von Kirchen und anderen monotheistischen Religionsgemeinschaften. Unzählige Menschen haben Leid, Qualen und nicht selten auch den Tod erfahren, weil sie sich nicht einer vorgegebenen sozialen Geschlechterrolle fügen konnten oder wollten. Vorbestimmte Zuordnungen waren lange vorherrschend. Wer das Pech hatte, „anders als die Mehrheit“ zu sein, geriet schnell in Gefahr. Nicht zuletzt unter dem Druck schwindenden Rückhalts in der Bevölkerung, versuchen jedoch einige Religionsgemeinschaften, ihre theologischen Positionen und Haltungen auch bei diesem Thema zu modernisieren und humanistisch geprägten Perspektiven zu öffnen, in der die Achtung der Individualität und der Würde jedes einzelnen Menschen im Vordergrund stehen.

Die Evangelische Kirche in Hessen und Nassau (EKHN) veröffentlichte nun vor kurzem ein 40-seitiges Papier mit dem Titel „Zum Bilde Gottes geschaffen – Transsexualität in der Kirche“. In einer Mitteilung dazu hieß es, man habe sich mit dem Thema auseinandergesetzt, um beruflich und ehrenamtlich in der Kirche arbeitende Menschen dafür zu sensibilisieren und für die Belange transsexueller Menschen in und außerhalb der Kirche einzutreten. Mit dem als Handreichung bezeichneten Dokument will die EKHN „einen Beitrag dazu leisten, dass Menschen in ihrer Vielfalt wahrgenommen und Diskriminierungen aufgrund von Geschlecht oder sexueller Orientierung beendet werden.“ Herausgegeben wird die Handreichung von der Fachgruppe Gendergerechtigkeit in der hessen-nassauischen Kirche, die unter anderem aus Theologen aber auch Naturwissenschaftlern und Pädagogen zusammengesetzt ist. Rund 100.000 Menschen in Deutschland seien Schätzungen zufolge transsexuell, hieß es weiter. Vertiefte Gespräche mit Fachleuten, die aus der Binnenperspektive über die Kernfragen und andere Aspekte von Transsexualität sprechen können, scheint es jedoch nicht in ausreichendem Maß gegeben zu haben.

So heißt es im Geleitwort des EKHN-Präsidenten Volker Jung: „Es gibt Menschen, die sich zwischen oder jenseits eines zweigeschlechtlich definierten Lebens befinden.“ – Kim Schicklang, Mitgründerin und Vorsitzende des Vereins Aktion Transsexualität und Menschenrechte (ATME), fragte nach Veröffentlichung der aufwändig illustrierten Broschüre, was damit gemeint sein soll. „Wenn die Perspektive ist, Männern und Frauen mit körperlichen Variationen dann ein Leben in einer dritten Schublade anzubieten, ist das kein emanzipatorischer Schritt, sondern ein gesellschaftlicher Rückschritt. Damit werden geschlechtliche Stereotype nicht abgebaut, sondern verstärkt“, so Schicklang.

Aus Sicht von Kim Schicklang enthält das neue Dokument der EKHN sogar grundlegende Mängel, denn unter anderem schreiben die Autorinnen und Autoren der Broschüre eingangs über Bezeichnungen wie Transmensch, Transfrau, Transmann, diese Begriffe würden „im Grunde alle einen Sachverhalt beschreiben: die Abweichung der geschlechtlichen Selbstwahrnehmung eines Menschen von dem Geschlecht, das bei der Geburt zugewiesen und im weiteren Lebensverlauf zugeschrieben wurde.“

Kim Schicklang: „Ein echter Perspektivwechsel ist hier nicht erkennbar.“ Foto: privat

Schicklang sagt, diese Definition sei schlicht falsch. „Transsexualität meint, dass körperliche Merkmale vom Geschlecht abweichen“, so die ATME-Vorsitzende. Und weiter: „Die Kirche hat anscheinend nicht verstanden, dass Transsexualität keine Identität ist.“ Es handele sich bei dem EKHN-Papier um eine Broschüre, „die bei uns den Eindruck hinterlässt, dass Frauen und Männer mit körperlichen Variationen in eine gesellschaftliche Extra-Schublade ausgelagert werden sollen.“

Weiblich, männlich, divers – Warum braucht Deutschland ein drittes Geschlecht? Das Bundesverfassungsgericht entschied Ende vergangenen Jahres, dass es im Personenstandsregister künftig eine dritte Geschlechtskategorie geben muss. ATME-Vorsitzende Kim Schicklang diskutierte im Deutschlandfunk mit dem CSU-Politiker Norbert Geist und der Soziologin Gesa Lindemann, ob hier die beste Lösung schon gefunden ist. Die Diskussion können Sie unten direkt nachhören.
Zum Beitrag auf deutschlandfunk.de…

„In der Summe haben wir den Eindruck, dass ‚Trans*‘ immer noch aus der Außenperspektive gedacht wird. Es ist die Rede von einem ‚neuem Geschlecht‘, mit dem jemand angeredet werden soll und von ‚Eunuchen‘, die in der Bibel positiv erwähnt würden“, so die ATME-Vorsitzende. Ihr Fazit: „Nett diskriminiert zu werden ist vielleicht besser, als nicht-nett diskriminiert zu werden, aber ein echter Perspektivwechsel ist hier nicht erkennbar.“ Schicklang sagt, dieser wäre gegeben, wenn das Prinzip der geschlechtlichen Deutung selbst hinterfragt werden würde. Sie wünscht sich darum, dass allgemein bisherige „Zuweisungsprinzipien hinterfragt und verurteilt werden“, für einen Perspektivwechsel, „in dem Menschen als Menschen ernst genommen und geschlechtliche Selbstaussagen nicht zu ‚Identitäten‘ uminterpretiert werden.“

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