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Identität braucht Wissen über die eigenen Werte

Was sind die wichtigsten Unterschiede von Humanistischer Lebenskunde zum Ersatzfach Ethik? Ulrike von Chossy und HVD-Vorstand Michael Bauer sprechen hier über aktuelle Schritte für eine echte Alternative zum Religionsunterricht an Bayerns Schulen.

Foto: Weyo / Adobe Stock
„Religion unbeliebter als Mathe“ – Schlagzeilen wie diese machten Ende Februar die Runde. Eine repräsentative Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Emnid hatte ergeben, dass der konfessionelle Religionsunterricht bei nur 38 Prozent der Bayern ein beliebtes Schulfach war oder ist. Schlechter schnitt nur das Fach Physik ab. Weiterlesen...

Was ist der Grund, dass der Humanistische Verband Bayern gerade jetzt verstärkt in die Etablierung von Lebenskunde-Unterricht in den bayerischen Schulen einsteigt?

Michael Bauer Die Zeit war einfach reif. Wir haben ja bereits ein Gerichtsverfahren gegen die Staatsregierung wegen der Einführung des Faches an den Fachakademien für Sozialpädagogik (FAkS) laufen. Bei den allgemeinbildenden Schulen haben wir uns Zeit gegeben, bis unser Kita-Aufbau im Wesentlichen abgeschlossen ist und wir den Kopf für so etwas wieder freier haben. Das ist jetzt der Fall.

Zunächst zum Antrag für die Fachakademien – warum wollen Sie dort Humanistische Lebenskunde als Fach?

Ulrike von Chossy In der Ausbildung der Erzieherinnen und Erzieher geht es nach unserer Auffassung stark um Wertebildung. Deshalb empfanden wir es als Defizit, dass dort keine humanistische Perspektive vermittelt wird, sondern nur eine religiöse oder allgemein-philosophische. Eine Gruppe von Auszubildenden für den Erzieherberuf, die bei uns arbeiten, hat sich zusammengetan und die Einrichtung des Faches gefordert.

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Wie ist der Stand dieses Antrags?

MB Das Kultusministerium hat unseren Wunsch abgelehnt. Die aufgeführten Gründe sind vielfältig. Der wichtigste dürfte sein, dass es an den FAkS keinen bekenntnisgeprägten Religionsunterricht gäbe und dass es dort nur um einen didaktisch-pädagogischen berufsorientierten Unterricht ginge. Dem ist natürlich entgegenzuhalten, dass es ja unzweifelhaft sowohl einen evangelischen wie auch einen katholischen Unterricht dort gibt, was den bekenntnishaften Hintergrund schon genug beweist, und, wenn es denn wirklich nur um allgemeine Methoden der Wertevermittlung ginge, ein gemeinsames Fach für alle ja ausreichen würde. Dieses gibt es aber nicht. Man sieht leicht, dass die Argumentation der Staatsregierung etwas albern ist. Wir haben daher Klage eingereicht, Schriftsätze ausgetauscht und nun warten wir auf die Verhandlung vor dem Verwaltungsgericht.

Und bei den allgemeinbildenden Schulen?

MB Wir haben dem Kultusminister mitgeteilt, dass wir die Einrichtung des Faches an den bayerischen Schulen einfordern, einige Rechtsauffassungen dazu mitgeteilt und ihn gebeten, mit uns dazu ins Gespräch zu kommen sowie mitzuteilen, wie er sich das weitere Verfahren zur Einrichtung des Faches vorstellt. Lebenskunde wird ja bereits an unserer Grundschule unterrichtet, der Lehrplanvorschlag ist im Kultusministerium daher bereits bekannt. Im Genehmigungsverfahren für die Humanistische Grundschule ist die Frage nach dem Status des Faches bereits geklärt worden: Es handelt sich nach Auskunft des Kultusministeriums um ein ordentliches Lehrfach, das an die Stelle des Religionsunterrichts tritt. So sehen wir das auch. Vorbilder für die Organisation des Faches gibt es bereits bei kleineren Religionsgemeinschaften, die auch eine übersichtliche Zahl an Schülerinnen und Schülern unterrichten, so wie wir es für den Anfang auch erwarten. Eigentlich ist also alles Grundsätzliche bereits klar. Geantwortet hat der Staatsminister aber bisher noch nicht.

Würden Sie sagen, dass der schulischen Wertebildung bislang ausreichend Bedeutung zugemessen wird? Für viele Eltern stehen ja heute eher Fächer wie Deutsch, Mathe und Sport ganz oben auf der Prioritätenliste.

UvC Der Wertebildung wird oftmals nicht der Rang eingeräumt, der ihr eigentlich zukommen sollte, zumindest nicht abstrakt. Allerdings werden Werte auch für viele Eltern schon sehr wichtig, wenn es konkret wird. Wenn sie sich z.B. darüber ärgern, dass ihre Kinder mit einem permanenten Leistungswettbewerb gepiesackt werden anstatt zu lernen, mit anderen zu kooperieren und Freunde zu gewinnen. Wir wissen, dass Freundschaften und Wertschätzung in der sozialen Gruppe viel wichtiger für Kinder und ihren Lernerfolg sind, als sich an ein Leistungssystem anzupassen, das zudem auch in sich schon ziemlich fragwürdig ist. Die Glücksforschung hat uns gezeigt, dass Lebenszufriedenheit viel mehr von positiven sozialen Kontakten abhängt als vom Erfolg im Beruf. In einer Gruppe gemeinsame Werte zu teilen, ist ein Baustein für Lebensqualität. Vielleicht liegt die Haltung von Eltern, die „harte“ Fächer betonen, auch darin begründet, dass sie selbst auch in einer Berufswelt leben, die sie unter andauernden Leistungsdruck setzt.

Was sind die markantesten Unterschiede zum bayerischen Fach Ethik, was ist besser an Lebenskunde?

UvC Bei Lebenskunde geht es um die eigene Moralentwicklung, im Fach Ethik lernen die Schülerinnen und Schüler etwas über Dritte. Moralentwicklung erfolgt über die Nachahmung dessen, was vorgelebt wird und über die eigene Auseinandersetzung mit Wertefragen. Kinder und Jugendliche müssen sich selbst in diesen Fragen wiederfinden, sie müssen erkennen, dass sie wichtig für sie selbst sind, was ihre eigene Wertebegründung ist. Das geht nur über ein authentisches Umfeld, mit einer Lehrperson, die die weltanschaulichen Grundlagen dieser Werte teilt. Es reicht eben nicht aus, Normen zu erlernen, sondern man muss sich die Werte aneignen, auf denen sie beruhen, also nicht die Artikel des Grundgesetzes auswendig lernen, sondern verstehen, warum es sie überhaupt gibt und lernen, diese Grundlagen zu teilen. Humanistische Werte geben dabei eine eigene Perspektive. Es geht darum, nicht nur in der Distanz Zuschauer zu sein, sondern an der eigenen Identität zu arbeiten. Das Ersatzfach Ethik ist zwangsläufig ein religiöses und weltanschauliches Sammelbecken, in dem man vor allem lernt, was die anderen glauben, ohne eine eigene Identität entwickeln zu sollen. Weder die Schülerinnen und Schüler noch die Lehrenden bilden dabei eine Wertegemeinschaft, noch befinden sie sich sozusagen auf einer Wellenlänge. Hinzu kommt, dass in Lebenskunde auch die philosophische und geistige Tradition des weltanschaulichen Humanismus und seine Geschichte gelehrt werden und dadurch die eigene Kulturation ermöglicht und gefördert wird. Humanistisches Denken gibt es ja schon eine ganze Weile. Kindern aus religiösen Elternhäusern wird dieses Grundrecht auf das Eigene in unseren bayerischen Schulen ganz selbstverständlich zugebilligt, und ich denke, wir Humanistinnen und Humanisten haben dasselbe verdient.

Mehr über den Humanistischen Verband Bayern und dessen Projekte erfahren Sie auf www.hvd-bayern.de

Unterscheiden sich die hiesigen Rahmenbedingungen zu denjenigen in Berlin, wo das Fach sehr erfolgreich ist? Was folgt daraus für die Entwicklung in Bayern?

Michael Bauer, Vorstand des HVD Bayern

MB Die Rahmenbedingungen sind in fast allen Belangen komplett unterschiedlich. Das beginnt bei dem Umstand, dass Berlin nur eine einzige Großstadt ist, Bayern aber ein großes Flächenland. Um es einfach zu sagen: In unserem Bundesland kann man nicht mit der S-Bahn von einem Ende zum anderen fahren, um den Lebenskunde-Unterricht abzuhalten. Wir müssen das Angebot dezentral organisieren, aber dennoch irgendwo anfangen. Das werden sicher die großen Zentren sein, allen voran in Mittelfranken, wo der HVD Bayern einen Schwerpunkt hat. Dann wird man weitersehen.

Zum zweiten haben wir eine ganz andere Demographie. In Bayern sind noch nicht, wie in Berlin, die Mehrzahl der Bürgerinnen und Bürger nichtreligiös. In den Großstädten gibt es zwar diese Tendenz, aber nicht überall. Das hat Auswirkungen auf die Nachfrage und auf die Offenheit für das neue Angebot.

Zum dritten regiert in Bayern die CSU, wir werden also nicht mit politischer Unterstützung wie in Berlin rechnen können, sondern eher mit Widerstand.

Zum vierten gibt es in Bayern schon seit vielen Jahrzehnten einen Ethik-Unterricht als Ersatzfach ab der Klassenstufe 1, von dem wir zwar nicht allzu viel halten, aber wir müssen den Unterschied zu Lebenskunde erklären. In Berlin gab es bis vor wenigen Jahren einen solchen nichtreligiösen, allgemein-ethischen Unterricht überhaupt nicht, und als er dann in einigen Jahrgangsstufen eingeführt wurde, war der Lebenskundeunterricht bereits etabliert.

Zum fünften ist in Berlin der freiwillige Lebenskundeunterricht eine hochbezuschusste Veranstaltung des dortigen HVD, in Bayern wird er aber zumindest im Endausbau ein ordentliches Lehrfach mit allem Drum und Dran sein, das als staatliches Fach, wie der Religionsunterricht, vom Staat organisiert und von staatlichen Lehrkräften unterrichtet wird. Die Rolle des HVD Bayern wird es sein, ihn inhaltlich zu begleiten und in der Lehrerausbildung mitzuwirken. Das tun wir gerne, aber dabei wird sich eine weitere Baustelle auftun, nämlich die Frage, wer dafür die Kosten trägt. Denn eine selbstverständliche Grundlagenfinanzierung für diese Begleitung gibt es bisher für uns nicht.

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