Anzeige

Die Linke hat nicht zugehört!

Ich bin amerikanische Humanistin und verstehe, warum Trump gewonnen hat: Die Linke hat nicht zugehört – schrieb Anya Overmann vor kurzem für den IHEYO-Blog. Sie meint, linke Kräfte müssen mehr Brücken bauen, nicht Mauern.

Aus dem Englischen übersetzt von Sarah Scherf. Quelle: Medium.com

Foto: © Lorie Shaull / Flickr / CC BY-SA
Hillary Clinton, erfolglose US-Präsidentschaftskandidatin der Demokratischen Partei. „Einst sprach sie die weiße Arbeiterklasse an, hat sich dann aber schrittweise entfernt, als ein liberaler Elitismus um sich griff, der die Bedenken der arbeitenden Menschen außer Acht gelassen und diese als unintelligent abgetan hat“, meint Anya Overmann. Foto: © Lorie Shaull / Flickr / CC BY-SA

Es ist weniger als eine Woche nach der berüchtigten US-Wahl, die uns einen zukünftigen Präsidenten Donald Trump beschert hat. Ich wohne in Missouri, einem Trump-Staat, der an acht andere Staaten grenzt, von denen sieben ebenfalls Trump-Staaten sind.

Als ich am 9. November aufwachte und unser neuer Präsident feststand, war ich nicht überrascht, sondern ziemlich verärgert. Ich blieb für fast zwei Stunden im Bett und ließ meinen Tränen freien Lauf. Ich fühlte mich, als wäre dies der Anfang vom Ende – Sicherheit, unsere Menschenrechte, die Umwelt und die Meinungsfreiheit.

Anya Overmann lebt in St. Louis, Missouri, und ist Teil der American Ethical Union. Für die International Humanist and Ethical Youth Union (IHEYO) ist sie u.a. als Autorin und als Social Media Managerin aktiv. Sie twittert unter @AnyaLOvermann.

Nachdem ich so viel Zeit damit verbracht habe, ungläubig auf die Unterstützer von Trump zu reagieren – „Wie können die denn diese Gewalt und hasserfüllte Rhetorik zugunsten seiner Politik entschuldigen? Was zum Teufel läuft da falsch?“ … „Wie können Frauen diesen Mann unterstützen, der jahrzehntelang öffentlich und privat diese hässliche Missachtung gegenüber Frauen gezeigt hat? WIE??“ – Ich entschied, dass ich das wohl nur verstehen könnte, wenn ich mich in ihre Lage versetzte.

Ich habe mich zur Geschichte der Demokratischen Partei belesen. Einst sprach sie die weiße Arbeiterklasse an, hat sich dann aber schrittweise entfernt, als ein liberaler Elitismus um sich griff, der die Bedenken der arbeitenden Menschen außer Acht gelassen und diese als unintelligent abgetan hat. Diese Menschen, die sich nun entrechtet fühlen, haben nach jemand anderem gesucht, der sie anhört. Sie haben diesen „anderen“ gefunden, es war die Republikanische Partei. Ich dachte, „das ergibt Sinn, es liegt in der menschlichen Natur, sich jemanden zu suchen, der einem zuhört – das machen die republikanischen Politiker aber doch nicht viel aufmerksamer, oder?“ Und dann traf es mich: Das ist völlig egal, denn die Liberalen sind nicht nett gewesen.

Vom Problem des systematischen Rassismus bis zu sexueller Belästigung war die Art und Weise, wie die Liberalen gesprochen haben, weniger zugänglich – sie haben jeden, der anderer Meinung war, als dumm oder schlimmer bezeichnet. Ich bin dessen ebenso schuldig. Mehr als einmal verlor ich mich in der Wut und habe andere so abgetan, weil ich mich für gebildet hielt und die, die mir nicht zustimmten, für ungebildet. Die Liberalen haben forciert, dass all die Themen, die ihnen besonders am Herzen liegen, vereinfacht werden, zu einem schwarz-weiß-Denken, in dem man automatisch als Rassist, Sexist, Xenophober, ignoranter Idiot disqualifiziert wird, wenn man nicht auf deren Seiten steht. Dabei ist es völlig egal, wie komplex das Thema ist oder ob man selbst glaubt, ein nachvollziehbares Argument zu vertreten – stimmt man dem liberalen Gedankengut nicht zu, wird man abgestempelt. Ende der Diskussion. Bye Felicia.

Foto: © Gage Skidmore / Flickr / CC BY-SA
US-Wahlsieger Donald Trump, Foto: © Gage Skidmore / Flickr / CC BY-SA

Im Nachhinein habe ich keine Ahnung, warum ich oder jede andere liberal denkende Person das jemals für eine effektive Methode der Überzeugung gehalten haben. Hat Hillary wirklich gedacht, die Menschen, die sie zu diesem Zeitpunkt nicht unterstützt haben, als „eine Ansammlung Bedauernswerter“ zu bezeichnen, würde dazu führen, dass sie denken, „Oh, sie hat Recht. Ich bin bedauernswert, weil ich ihn unterstütze. Ich fühle mich schlecht – Ich unterstütze jetzt lieber sie.“ Ja, genau.

Dann erinnere ich mich, wie ich mich fühlte, als ich stolz Bernie Sanders unterstützte, den einzigen Kandidaten, den ich für den richtigen für den Job im Jahr 2016 hielt. Unterstützer von Hillary haben mich – vor, während und sogar jetzt nach der Wahl – als Sexistin diskreditiert. Mich. Als Sexistin. Warum?! Nur weil ich nicht die weibliche Kandidatin der Demokraten unterstütze? Selbst eine meiner Lieblingsfeministinnen, die sehr respektierte Gloria Steinem, hat sich öffentlich dieser Ansicht angeschlossen. Also sind all die Jahre, die ich dem Feminismus gewidmet habe, alle die Jahre des Leidens als eine, die vielfache sexuelle Nötigung überlebt hat, all die Jahre des Leidens an Nebenwirkungen der Geburtenkontrolle, all diese sind nichts wert, weil ich Bernies Plattform statt Hillarys unterstütze? WTF! Habe ich denn Hillary mehr unterstützt, weil mich jemand Sexistin genannt hat? Nein, das hat eher dazu geführt, dass ich sie noch weniger unterstütze. Warum sollte ich mich jemandem anschließen, der denkt, ich sei eine Sexistin? Ich kann mir vorstellen, dass sich die Unterstützer von Trump ebenfalls so gefühlt haben.

Es ist so frustrierend, nicht ernst genommen und einfach abgetan zu werden. Wenn das immer wieder passiert und das einzige Ergebnis einer Diskussion ist, mit schlimmen Bezeichnungen abgestempelt zu werden, dann sucht man verzweifelt nach jemandem, der einen anerkennt. Diese selbstgefällige, elitäre Einstellung der Liberalen macht einen sinnvollen Diskurs fast unmöglich. Denkt darüber nach – Wenn jemand zu euch sagt „Ich bin zu intelligent, moralisch zu überlegen, um überhaupt mit dir zu sprechen und dir zuzuhören“, wie würdet ihr euch fühlen? Ob ihr es glaubt oder nicht, selbst die schlimmsten menschlichen Wesen sind immer noch Menschen. Und deshalb hat Trump gewonnen.

Ja, er repräsentiert Rassisten, Sexisten und viele andere, die einen tiefen Hass auf bestimmte Gruppen haben, aber er ist eben vielmehr auch der Repräsentant all jener, die von der Linken entkräftet wurden. Weggedrängt. Beiseitegeschoben. Ignoriert. Abgetan. Dämonisiert. Diese Menschen sind nicht alle dumme, hasserfüllte Hinterwäldler, sie sind Menschen, die harte Zeiten erlebt haben, ihre Erfahrungen teilen und eine Veränderung wollen. Sie haben auch ökonomische Verzweiflung erfahren. Hillary hatte für diese Menschen kein offenes Ohr, ebenso wenig wie ihre Unterstützer.

Ich glaube, Bernie hat diese Menschen verstanden. Er hat es selbst gesagt – dass Hillary ihnen nicht zugehört hat und Trump deshalb gewinnen würde. Die Wahrheit ist, dass unsere momentane Lage in den Vereinigten Staaten viel komplizierter ist als Liberale gegen Konservative, Verbündete gegen Rassisten/Sexisten/Xenophobe, intelligent gegen ignorant. Die Menschen haben legitime, berechtigte Sorgen, die viel komplexer sind, als es simple Bezeichnungen und Beschimpfungen ausdrücken können.

Jetzt ist es für die Liberalen an der Zeit, und ich schließe mich da ein, sich selbst zu reflektieren. Wir müssen diese reflexartige Reaktion unterdrücken, jene zu diskreditieren, mit denen wir nicht einer Meinung sind, und dazu in der Lage sein, uns hinzusetzen und uns wirklich anzuhören, was sie zu sagen haben. Wie, glaubst du, haben wir all den Fortschritt in der Geschichte erreicht? Mit einem Wutanfall? Nein, mit sinnvollem Diskurs. Wir müssen unbedingt die Fähigkeit, einander zu verstehen, wiederbeleben. Menschen werden durch Verbindungen motiviert. Wir sind vielmehr willens zu verstehen, wenn wir das Gefühl haben, selbst verstanden zu werden.

Empathie muss sich über unsere Werte hinaus ausbreiten. Kooperation wird nur aus Verbindung hervorgebracht. Verbindung entsteht nur aus Verständnis. Und Verständnis gehört zum Vorwärtskommen. Sicherlich wird es immer wenige geben, die so resistent gegenüber anderen Sichtweisen sind, dass sie nicht des geringsten Aufwandes wert sind. Die meisten Menschen aber sind nicht so. Hat man für sie ein offenes Ohr, neigen sie viel eher dazu, auch zuzuhören.

Wenn ihr das nächste Mal mit jemandem sprecht, der nicht eurer Meinung ist, bitte ich euch eindringlich, diese Fähigkeiten zu trainieren. Hört ihnen zu, versetzt euch in ihre Lage. Selbst wenn sie hasserfüllt sind, rechtfertigt das nicht noch mehr Hass. Ihr könnt immer noch für das einstehen, woran ihr glaubt ohne diejenigen zu beleidigen, die euch nicht zustimmen. Ich weiß, es ist eine Herausforderung, aber mit ein bisschen Übung können wir denen zuhören, die eine andere Meinung haben. Wir müssen Brücken bauen, keine Mauern. Dann vielleicht, nur vielleicht, wird das Resultat dieser Wahl nicht ganz so schlimm.

Kommentar hinterlassen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.