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Wovor haben die Gläubigen eigentlich Angst?

Wissenschaftler erforschen Misstrauen und Vorurteile gegenüber nichtreligiösen Menschen.

Bischöfe und andere Personen bemühen gern Hinweise auf praktizierten Kommunismus und die Nazi-Diktatur, um Folgen des Fehlens von Gottglauben zu verdeutlichen. Es ist nur ein Argument von vielen, die gegen die Anliegen von säkularen Individuen oder Gruppen vorgebracht werden. Doch scheinbar funktioniert es. In vielen Gesellschaften werden Atheisten immer noch diskriminiert oder verfolgt, ausgegrenzt und ausgeschlossen. Ein Grund dafür ist tiefes Misstrauen, hat eine Untersuchung gezeigt. Doch woher rührt es?

Psychologen von der kanadischen University of British Columbia haben sich mit der Frage befasst, ob und warum Atheisten oder anderen Menschen ohne Glauben an vorherrschende Religionen ein besonderes Misstrauen entgegengebracht wird. „Wo es religiöse Mehrheiten gibt – und das ist in weiten Teilen der Welt der Fall – gehören Atheisten zu den am wenigsten vertrauenswürdigen Personen“, so Will Gervais, eine der Autorinnen der Studie mit dem Titel „Do You Believe in Atheists? Distrust is Central to Anti-Atheist Prejudice“, die Ende November im Fachblatt Journal of Personality and Social Psychology veröffentlicht wurde. Da es ungefähr eine halbe Milliarde Atheisten auf der Welt gebe, seien von diesem Vorurteil auch eine Menge Menschen betroffen. Die Antipathien sind auch deshalb verblüffend, da Atheisten keine kohärente, sichtbare oder machtvolle soziale Gruppe sind.

Die Forscher haben im Rahmen von insgesamt sechs Studien 350 amerikanische Erwachsene und rund 420 Studierende in Kanada befragt. In einer Untersuchung sollten Probanden vertrauensunwürdige Personen beurteilen. Dabei verorteten sie Atheisten auf der Skala des Misstrauens auf einer ähnlichen Stufe wie Vergewaltiger. In einer früheren Umfrage hatte sich zudem herausgestellt, dass nur 45 Prozent der Amerikaner für einen nichtreligiösen Präsidenten, sofern er ausreichend gut für das Amt qualifiziert ist, stimmen würden. Dieser nahm damit den letzten Platz in einer Reihe von Kandidaten aus hypothetischen Minderheiten ein.

Sichtbar gemachter Glaube könnte als Signal für Vertrauenswürdigkeit gelten, vor allem für religiöse Menschen, die an ein besseres Verhalten der Menschen im Fall des Gefühls der göttlichen Beobachtung glauben, so Ara Norenzayan als Ko-Autorin der Studie.

Die Toren sprechen in ihrem Herzen: „Es ist kein Gott.“ Sie taugen nichts; ihr Treiben ist ein Gräuel; da ist keiner, der Gutes tut.  – Lutherbibel 1984, Psalm 14,1

Auch der einflussreiche britische Philosoph John Lock lehnt in seinem Brief über die Toleranz die Aufgeschlossenheit gegenüber Atheisten entschieden ab. „Letztlich sind diejenigen ganz und gar nicht zu dulden, die die Existenz Gottes leugnen. Versprechen, Verträge und Eide, die das Band der menschlichen Gesellschaft sind, können keine Geltung für einen Atheisten haben. Gott auch nur in Gedanken wegnehmen, heißt alles auflösen“, so Locke.

Die Forscher führen weiter aus: Evolutionswissenschaftler seien seit langem vom Problem der Kooperation in großem Maßstab überrascht gewesen. Grundsätzlich erzeuge Gruppenkooperation Vorteile für die betreffende Gruppe, verlange von ihren Mitgliedern aber kostenintensive Investitionen. Während Erklärungsmodelle über die Gesamtfitness und gegenseitigen Altruismus die Existenz kleiner Gruppen mit gegenseitiger Bekanntschaft der Individuen erklären können, ist die Kooperation von riesigen Gruppen mit großer Anonymität zwischen den Menschen rätselhafter. Eine Reihe von Wissenschaftler argumentiere deshalb, dass Religionen diverse Mechanismen zur Förderung von Kooperation in großen Gruppen entwickelt haben, wobei soziale Kontroll- und Bestrafungssysteme auf die übernatürlichen Präsenzen ausgelagert wurden. Dementsprechend werden die weltweit „erfolgreichsten“ Religionen auch von einem beobachtenden, belohnenden und strafenden Charakter gekennzeichnet.

Faktoren, die an übernatürliche Instanzen und religiöse Konzepte erinnern, erhöhen interkulturellen Forschungsergebnissen zufolge die Bereitschaft zur Freiwilligenarbeit, also weniger eigennützigem Engagement, und die Bereitschaft, auch anonymen Personen zu spenden. Das prosoziale Verhalten führe zu Erfolg bei der Verbreitung der Gruppe und dabei würden die jeweiligen Glauben mittransportiert.

Vertrauenswürdigkeit sei laut früheren Studien daher die am meisten geschätzte Eigenschaft, weil kooperatives Verhalten den Individuen vitale Vorteile verschafft und die Deserteure das System in verletzender Weise beeinflussen. Zwischen Menschen mit religiösen Glauben dient diese Religiosität als Zeichen der Vertrauenswürdigkeit. Auch Gruppen unterschiedlicher Religion sind in der Lage, die jeweils bei anderen geltenden Signale aufzugreifen und einzusetzen, weshalb etwa Mormonen auch bei Nichtmormonen aus New York als Kindermädchen beliebt sind und Sihks bei Nicht-Sihks als vertrauenswürdige Geschäftspartner gelten. In wenigen Fällen werde sogar das Bekenntnis zu einer rivalisierenden Gottheit als Zeichen der Vertrauenswürdigkeit gewertet.

Gegenüber Atheisten stelle sich die Lage anders dar. Da Glaube (insbesondere an moralisierende Gottheiten) als Signal für Vertrauenswürdigkeit verwendet wird, drücke das Fehlen nicht nur einen persönlichen Unglauben aus, sondern stelle auch das falsche Signal dar. Im Rahmen prosozialen Religionsverhaltens sei Misstrauen gegenüber Atheisten eine Schlüsselkonsequenz. In den USA glaube einer Untersuchung des Pew-Meinungsforschungszentrums zufolge fast die Hälfte der Menschen, dass Moral ohne Gottglauben unmöglich ist.

Um die ablehnende Haltung gegenüber Atheisten zu verstehen, müsse man daher fragen, als was für eine Gefahr sie betrachtet werden. Auch Ergebnisse der Wissenschaft außerhalb der Evolutionsforschung hätten gezeigt und Belege dafür geliefert, dass unter bestimmten Umständen religiöses Denken gruppeninterne Kooperation und Vertrauen erhöht. Das sei bei Atheisten nicht gewährleistet. Die Verbindung der zwei Perspektiven lege nahe, dass Misstrauen zentrales Motiv für anti-atheistische Vorurteile darstellt.

Während der durchgeführten Untersuchungen zeigte sich nun etwa, dass homosexuelle Menschen vergleichsweise zwar mehr Abscheu als Atheisten auf sich ziehen, aber weniger Misstrauen. Als Probanden in Tests vertrauensunwürdige Personen beschreiben und einschätzen sollten, wurden Christen am seltensten genannt, Muslime etwas häufiger, viele entschieden sich für die Person eines Vergewaltigers und noch mehr für einen Atheisten. Bei der Möglichkeit, eine Darstellung einer kriminellen und vertrauensunwürdigen Person als typisch für einen Juden, eine Feministin oder einen Atheisten einzuschätzen, entschieden sich die Wenigsten für die jüdische Identität, häufiger wurde eine Feministin gemutmaßt und erneut fiel die Zuordnung als Atheist besonders häufig aus.

Deutlich wurde auch, dass sich viele Teilnehmer eher für die Einbindung in soziale Ebenen aussprechen, wo großes Vertrauen keine große Rolle spielt und weniger für eine Einbindung, wenn großes Vertrauen eine große Rolle spielt. Bemerkenswert war schließlich auch, dass sogar Personen ohne konfessionelles Bekenntnis, die Gruppe der nichtreligiösen, ein großes Misstrauen gegenüber Atheisten zeige. Zudem habe sich durchgehend gezeigt, dass Misstrauen gegenüber Atheisten und das Denken an die Rolle übernatürlicher Moralinstanzen Hand in Hand gehen.

Weitere Faktoren sind für die Entstehung von Misstrauen gegenüber Atheisten denkbar, hieß es schließlich außerdem. Der für die Studie entwickelte Ansatz müsse nicht der einzige zur Erklärung sein. Ein Problem könnte auch sein, dass religiöse Individuen vom Glauben des anderen zu wenig wissen. Während ein Christ gegenüber einem Muslim in der Frage moralischer Normen sich mitunter ein ungefähres Bild mache könnte, bleibe man über Atheisten möglicherweise vollkommen im Unklaren.

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