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Gegen Gleichgültigkeit hilft nur Moral

Mit „Wider die Gleichgültigkeit“ hat der Niederländer Josef („Joep“) Dohmen, der Philosophische und Praktische Ethik an der Universität für Humanistik in Utrecht lehrt, erneut ein wichtiges Buch über Lebenskunst geschrieben.

12080289_487971231384182_490400183840086228_o_0_20Während seine vorherigen Publikationen u.a. über Nietzsche nur in niederländischer Sprache erschienen sind, liegt seit einer Weile erfreulicherweise dieses Buch erstmals in deutscher Übersetzung vor.

Dohmen behandelt in seinem neuen Buch die gerade auch für Humanistinnen und Humanisten zentrale Frage, wie es gelingen kann, mit einer Moral der Selbstbestimmung nicht die Nichteinmischung, sondern die Verbundenheit der Menschen zu fördern. Generell warnt er vor der Überforderung, die durch Begriffe wie Selbstbestimmung und Autonomie transportiert wird. Nur wenige Menschen seien in der Lage, sich selbst zu bestimmen. Viele haben eine zu geringe Selbstkenntnis und neigen zur Selbstüberschätzung. Deshalb tritt Dohmen ein für eine Ethik der Selbstsorge und eine Moral der Lebenskunst. Es geht ihm darum zu zeigen, welche Wege Menschen gehen können, um sich selbst besser kennenzulernen und herauszufinden, welche Werte und Ziele für sie lebenswichtig sind. Man könnte sagen, dass die Lebenskunst deshalb die Form einer Individualethik annehmen muss, weil die Sorge für andere davon abhängt, inwiefern es uns als Individuen gelingt, die Selbstverantwortung und die eigene Fähigkeit zur Sinngebung als unsere eigentliche Stärke zu entdecken und zu entwickeln.

Gleichgültigkeit als zentrales Problem

Joep Dohmen plädiert für „soziale Selbstverwirklichung: eine kollektive Lebensform, in der sich Menschen achtsam und kreativ und ebenso bescheiden wie selbstbewusst darum bemühen, nicht auf Kosten anderer oder auf Kosten ihrer selbst, sondern gemeinsam und unter Rücksichtnahme auf andere mehr aus ihrem Leben machen.“

Gleichgültigkeit erscheint hier zuerst als Rücksichtslosigkeit, Unreflektiertheit und Egozentrik. Etwas später im Buch beschreibt Dohmen in Anlehnung an Nietzsches Moraltheorie den Unterschied zwischen schwacher und starker moralischer Wertung, welche dem Begriff der Gleichgültigkeit eine zusätzliche Tiefe verleiht. Diese Unterscheidung taucht dort auf, wo Dohmen sein Programm einer neuen Lebenskunst entfaltet. Er benennt hier drei zentrale Aspekte der Lebenskunst: Selbsterkenntnis, Üben und die Anstrengung, eine eigene moralische Orientierung zu finden.

Der dritte Aspekt bietet Dohmen eine Möglichkeit, seinen Begriff der Gleichgültigkeit zu erweitern. Er geht davon aus, dass es in einer Situation von Wertepluralismus nicht leicht ist, zu begründen, warum wir bestimmte Werte für so grundlegend halten, dass wir unser Leben daran orientieren. In den meisten Fällen nehmen Menschen schwache moralische Wertungen vor. Als Beispiel dafür nimmt Dohmen ausgerechnet ein Dilemma, das von Jean-Paul Sartre beschrieben und analysiert wird: Soll ein Mann sich während des Krieges dafür entscheiden, sich dem Widerstand gegen den Feind anzuschließen, oder soll er sich voll auf die Versorgung seiner sterbenden Mutter konzentrieren? Sartre versucht deutlich zu machen, dass diese Wahl sich nicht durch Bezugnahme auf etwas anderes rechtfertigen lässt. Es gibt nach Sartre dafür keinen absoluten Maßstab. Dohmen würde hier sagen: Sicherlich, aber ich bin in der Lage herauszufinden, warum das eine oder das andere gerade jetzt in meinem Leben so ungeheuer wichtig ist. Damit kann ich eine starke Wertung vornehmen. Es ist nicht gleichgültig, ob ich das eine oder das andere wähle, wie Sartre meint, ähnlich wie bei der Frage, ob ich zuerst mein Buch lese und dann schwimmen gehe oder umgekehrt. Stark zu werten heißt „unsere eigene Moralität aktiv gestalten“. Wir zeigen, dass unsere Wahrhaftigkeit, unsere Identität, aufs Spiel gesetzt wird, wenn wir eine bestimmte Entscheidung treffen oder nicht.

An dieser Stelle wird deutlich, wie stark Dohmens Begriff der Lebenskunst moralphilosophisch geprägt ist. Gleichgültigkeit erscheint so vor allem als Unvermögen und Unwille zu einer moralischen Überzeugung zu stehen. Lebenskunst heißt dann, letztendlich in der Lage zu sein, sich selbst und anderen überzeugend zu begründen und zu zeigen, warum man so und nicht anders leben will.

Lebenskunst als praktische Ethik

Diese Position entwickelt Joep Dohmen in Auseinandersetzung mit den Ansätzen zur Lebenskunst in der Antike, in der Philosophie Michel de Montaignes, in der Moral der Authentizität von Friedrich Nietzsche, im „Handwerk der Freiheit“ von Peter Bieri und in der Theorie der Authentizität bei Charles Taylor. Insofern liest sich sein zweites Buch über Lebenskunst erneut auch als Spurensuche der Lebenskunst in den Werken verschiedenster Philosophen. Doch der Ansatz ist insgesamt viel systematischer: Es geht darum, das Programm einer Lebenskunst darzustellen und zu zeigen, wie wir diese in wichtigen Bereichen unseres Lebens – im Umgang mit Zeit, Sterblichkeit, Freundschaft, Glück – entfalten können.

So lernen Leser, über den Unterschied von Freundschaft und Liebe nachzudenken, oder darüber, was den moralischen Lebensstil beim Altern ausmachen könnte. Dohmen versteht unter Lebenskunst im Alter z.B. die Akzeptanz der Verletzlichkeit, die Befreiung von Enteignung, Engagement für besondere Angelegenheiten usw. Bemerkenswert ist auch die pädagogische Anregung zur Bildung zum Glücklich-sein. Dazu gehöre auch das Lernen mit Unglück umzugehen. Das wäre m.E. durchaus als eine besondere Herausforderung für ein Unterrichtsfach wie Humanistische Lebenskunde zu verstehen. An solchen Stellen hat das Buch viele interessante Vorschläge für das Leben selbst parat.

Kritische Bemerkungen

Joep Dohmen spricht von einer Rückkehr der Lebenskunst und er gibt viele Beispiele dafür, was als Lebenskunst gelten kann. Leider geht er nicht der Frage nach, weshalb die allgegenwärtige Gleichgültigkeit so schwer zu überwinden ist. Wenn Lebenskunst ein lebenslanges Üben und Lernen beinhaltet – z.B. herauszufinden, welche meine guten und welche meine schlechte Gewohnheiten sind – was bringt uns dazu, dies auch zu tun und uns nicht durch Konsumrausch und viele andere Sachen davon ablenken zu lassen? Reicht hier die Einsicht, dass wir Balance, Widerstandsfähigkeit, Moralität und Selbstsorge brauchen?

In seiner Auseinandersetzung mit dem Begriff Authentizität spiegelt sich die gleiche Problematik wider: Die Idee, dass Authentizität nicht auf einen unveränderbaren inneren Kern verweise, sondern auf eine Lebenshaltung,  die als „starke Subjektivität“, als bewusste Moralität nach innen und nach außen entwickelt werden muss, ist faszinierend. Gleichwohl bleibt auch hier die Frage: Wenn wir Menschen unsere Gesellschaft, Wirtschaft und Kultur so gestaltet haben, dass diese Art der Authentizität kaum zu erreichen scheint, ist die Vorstellung der Lebenskunst dann ausreichend, um die notwendigen Veränderungen, gerade auch in uns selbst, herbeizuführen? Um das Problem der Umsetzung der Philosophie der Lebenskunst zu verstehen, brauchen wir eine noch umfassendere Philosophie darüber, was uns Menschen dazu bewegt, genau das nicht zu tun, was anscheinend so viel sinnvoller und besser für uns wäre.

Abschließend möchte ich darauf hinweisen, dass Dohmens Plädoyer für eine neue Freundschaftskultur und eine authentische Freundschaft viele wertvolle Anregungen gibt, um über Themen wie Liebe, Freundschaft, Mut in der Freundschaft und vieles andere mehr nachzudenken. Zur authentischen Freundschaft gehören für Dohmen die Tugenden Liebe, Verlässlichkeit, Mut und Selbstachtung. Bei Liebe und Selbstachtung habe ich aber den Eindruck, dass dies vor allem Tugenden sind, die zu einer Liebesbeziehung gehören. Sie können sicherlich auch ab und zu mit Freundschaft in Verbindung gebracht werden, im Gegenzug aber auch zu einer Überforderung der Freundschaft führen.

Ich frage mich übrigens generell, ob es typisch für eine Individualethik und Lebenskunst sei, dass besonders die Freundschaftsbeziehung aus der Vielfalt der unterschiedlichsten soziale Beziehungen hervorgehoben und betrachtet wird. Mögen die Leserinnen und Leser, denen die Lektüre von Dohmens Buch herzlich empfohlen wird, sich dazu selbst ein Urteil bilden.

Josef Dohmen: Wider die Gleichgültigkeit: Plädoyer für eine moderne Lebenskunst. Rüffer & Rub 2014, Gebundene Ausgabe, 376 Seiten, EUR 32,00

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